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Gastbeitrag von Dr. Hansjörg Leichsenring

640x427_Arbeitsplätze_3160Über Work-Life-Balance wird immer wieder gerne und viel geredet. Aber geht das wirklich: Erfolgreich im Beruf und dabei stets im Gleichgewicht mit allen anderen wichtigen Lebensinhalten?

Wikipedia definiert den Begriff wie folgt: „Work-Life-Balance steht für einen Zustand, in dem Arbeits- und Privatleben miteinander in Einklang stehen.“ Was aber genau bedeutet dies? Da gehen die Meinungen auseinander. Für die einen ist ein zwölf Stunden Tag durchaus kein Widerspruch zu einem harmonischen Privatleben, für die anderen beginnt schon bei acht Stunden täglicher Anwesenheit am Arbeitsplatz ein qualvoller Zustand.

Vor einiger Zeit war nachzulesen, dass nach einer Untersuchung der AOK immer mehr Menschen an ihrem Arbeitsplatz Suchterkrankungen unterliegen. Trinken und Rauchen sind der Studie zufolge die Hauptursachen für diese Entwicklung. Es gäbe aber auch einen Trend zu einer verstärkten Einnahme von leistungssteigernden Mitteln. Ursächlich dafür sei Stress am Arbeitsplatz. Die Ergebnisse geben keine Differenzierung nach Arbeitnehmergruppen, es dürfte jedoch kaum einen Zweifel geben, dass zumindest subjektiv letztlich (fast) jeder einen Mangel an Zeit für Bedürfnisse jenseits der beruflichen Verpflichtungen empfindet. Nach Schätzungen der Betriebskrankenkassen sollen in Deutschland immerhin neun Millionen Menschen unter Burnout Symptomen leiden.

Vielfältige Facetten der Work-Life-Balance

Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich hinter den vermeintlich nur zwei Facetten Arbeits- und Privatleben wesentlich mehr Elemente verbergen, die es beim Thema Work-Life-Balance zu berücksichtigen gilt. Da sind neben dem Beruf u.a.

  • der Lebenspartner
  • Kinder
  • weitere Familienangehörige (Eltern, Schwiegereltern, Geschwister etc.);
  • der engere und erweiterte Freundes- und Bekanntenkreis
  • das eigene Ich (Hobbies, Gesundheit, etc.)

Zeit als restriktiver Faktor

Jedes dieser „Elemente“ fordert seinen Anteil und das resultiert vor allem in einem, nämlich einem vermeintlichen (subjektiv wahrgenommenen) oder tatsächlichem (objektiv vorhandenem) Zeitproblem. Wie sieht ein normaler Arbeitstag aus? Der Aufbruch zur Arbeit beginnt für die meisten Berufstätigen wohl spätestens um 8:00 Uhr, für viele bereits früher. Nach Hause kommt man dann irgendwann zwischen 17:00 und 18:00 Uhr, viele auch später oder, wenn Reisen zur Arbeit dazu gehören, erst an einem anderen Tag. Wenn man also nicht gerade ein ausgesprochener Frühaufsteher ist, stehen für die meisten Belange neben dem Beruf nur die Abendstunden oder das Wochenende zur Verfügung. Hat man es nur mit sich selbst zu tun, sollte das kein Problem sein, kommen jedoch andere Personen ins Spiel, so sind auch deren Gewohnheiten und Präferenzen restriktive Faktoren. In der Realität ist in vielen Familien daher das Frühstück nicht nur die einzige gemeinsame Mahlzeit sondern auch zugleich einzige Familienzusammenkunft unter der Woche. Am Wochenende zerren dann alle an einem und den einen oder anderen zerreißt es dabei in (zumindest mentale) Stücke.

Vier Grundregeln für eine ausgewogene Work-Life-Balance

Einige Grundregeln könnten helfen, das gewünschte Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben (wieder) herzustellen.

Familie an erster Stelle

So wie ein Baum nicht ohne seine Wurzel leben kann, können Menschen auf Dauer nicht ohne eine feste Bindung bleiben. Die Familie (wie immer sie auch aussehen mag) ist das Fundament.Nehmen Sie sich regelmäßig und ausreichend Zeit für gemeinsame Aktivitäten mit Ihrem Lebenspartner einzeln und gemeinsam mit der restlichen Familie. Wenn sie ihrem Kind (oder Partner) versprochen haben, Zeit gemeinsam zu verbringen, dann halten Sie dies auch ein. Schalten Sie Ihr Handy am Abend und am Wochenende aus!

Eigene Gesundheit fördern

Das schönste Leben der Welt nutzt wenig ohne die eigene Gesundheit. Ich habe im Laufe meines Berufslebens viele erfolgreiche Menschen jung sterben sehen. Leider konnte man nicht immer etwas dagegen tun, manchmal hätte aber eine vorherige Warnung helfen können. Viele Menschen bringen zwar ihr Auto regelmäßig zur Inspektion, vernachlässigen aber ihre eigene Funktionstüchtigkeit. Gesundheit fördern muss nicht bedeuteten, ab morgen nur noch Müsli und Salat zu essen und dazu noch Marathon zu laufen. Jeder Mensch hat sein eigenes Wohlfühlschema, dem es konsequent zu folgen gilt. Bewegung, etwas Disziplin beim Essen und Trinken und regelmäßige ärztliche Check-ups bringen jedoch auf jeden Fall mehr Nutzen als Schaden.

Zeit für sich selbst einplanen

Denken Sie auch an sich selbst. Bleiben Sie bei Ihren Hobbies am Ball. Gönnen Sie sich Auszeiten. Wenn Sie konsequent die Vereinbarungen mit Ihrer Familie einhalten, haben Sie auch das Recht, dass Ihnen die Familie „frei“ gibt.

Sagen Sie auch mal „Nein“

Angriffen auf ihre Work-Life-Balance sollten Sie mit einem klaren und deutlichen „Nein“ begegnen, egal, ob die Angriffe von oben oder von unten kommen. Wenn Sie Führungskraft sind, gehört dazu, sich keine unnötigen Termine aufs Auge drücken zu lassen oder allseits beliebte Rückdelegationen von Arbeit zu akzeptieren. Aber auch Vorgesetzten gegenüber sollten Sie standhaft bleiben, auch wenn es im ersten Moment schwer zu fallen scheint. Haben Sie keine Hemmungen, Ihrem Chef zu sagen, dass Sie gerne morgen mit ihm über das vermeintlich ach so wichtige Problem eingehend diskutieren, heute Abend aber um 20.00 Uhr pünktlich mit Ihrer Frau ins Theater gehen wollen. Er wird Sie vielleicht im ersten Moment „dumm“ anschauen, aber danach ganz sicher nicht nur Ihr Verhalten respektieren, sondern innerlich sogar dafür bewundern.

 

Über den Autor:

Dr. Hansjörg Leichsenring Dr. Hansjörg Leichsenring (www.hansjoerg-leichsenring.de) ist Experte für Banking, Innovation, Change Management, Social Media und Persönliches Finanz Management. Mit mehr als 30 Jahren Erfahrung im Bankbereich, u.a. als Direktor bei der Deutschen Bank, als Vorstand einer Sparkasse sowie als Geschäftsführer eines Online Brokers verfügt er über die Bankleiterqualifikation nach §33 KWG und bietet Banken und Finanzdienstleistern Dienstleistungen in den Bereichen (Interims)Management, Beratung/Consulting sowie Persönliches Finanz Management an. Außerdem ist er Herausgeber des Bank-Blogs (www.Der-Bank-Blog.de) sowie gefragter Redner und Moderator im In- und Ausland.